Ihre Kamera ist zu gross! - Na und?!
03.02.2012 Kommentare
Nach meinem Eintrag vom 30.10.2010 war mir klar, eines Tages würde es wieder ein tolles Konzert geben. Eigentlich mehr noch als nur "ein tolles Konzert".. vielleicht sogar ein Konzert, auf das ich mich seit Jahren gefreut hatte.. ein Konzert von einer Band, die ich seit Jahren ins Herz geschlossen hatte. Und wenn es soweit sein würde, stände ich wohl wieder in der Menge mit großen Augen, weit geöffnetem Herzen und einem wohlig-warmen Gefühl, während ich mir wütend in den Arsch beiße, warum meine Kamera diesen perfekt scheinenden Moment nicht festhalten konnte (und das nur, weil wieder ein Kaugummi-kauender, im Dunkeln eine überflüssig abgedunkelte Tom Cruise-Verschnitt-Brille tragende, Specknacken Security (alias "SecuryyyBub") mich davon abhielt, meine heißgeliebte Kamera mit in den Konzertraum zu nehmen. Ich musste also gewappnet sein. Gewappnet für das nächste Konzert und dem nächsten "Schrank", der sich vor mir aufbauen und spitz beäugen würde.
Nun. Es war wieder soweit. Der Tag war im Kalender markiert. Und er kam immer näher – wie auch das Bild, das ich im Kopf hatte: Ein überdimensionaler, düster dreinblickender, Solarium-gebräunter SecuryBub. Er baut sich vor mir auf, dass sich alles um mich verdunkelt und hält seine Hand offen – ohne Worte – wartet er wie selbstverständlich darauf, dass ich ihm meine Kamera aushändige. "Keine Kameras dieser Größe erlaubt!", brummt er mich forsch an. -Diesmal nicht, Freundchen! Es war also an der Zeit, dass ich meinen Ideen freien Lauf lassen konnte, wie ich am besten, die Kamera mit ins Konzert schmuggeln konnte.
Seit dem letzten Konzert hatte ich so einige Ideen, aber nichts schien wirklich ausgereift, weil mit all diesen Gedanken und Ideen eine kleine Panik einher ging. Also Punkt 1: KEINE PANIK. Punkt 2: ICH WILL EIN (für mich) PERFEKTES FOTO! -mehr sollte ich als Ansporn eigentlich nicht benötigen..
Es war 20:30 Uhr. Einlass: 20 Uhr, Beginn: 21 Uhr. Ich stehe in der Warteschlange. Es ist voller als angenommen. Ich bin ein wenig erleichtert, weil ich weit vorne noch keinen SecuryBub erblicke und denke mir noch: "Wahrscheinlich gelange ich ohne Hindernisse in die Konzerthalle.."
Ich komme dem Eingang etwas näher, zittere am ganzen Körper, hoffe um baldiges Eintreten und Wärme und lasse meinen Blick schweifen, auf die Gesichter um mich. "So sehen also Kettcar-Fans aus.." ..witzig, dass bei vielen Konzerten so viele unterschiedliche Menschen und Gesichter dabei sind und bei Kettcar alle die, die ich sehe, nach Ich-höre-Kettcar aussehen. Ich hüpfe von einem Bein aufs andere, um mich ein wenig durch Bewegung aufzuwärmen. Es ist sooo kalt. Und da plötzlich: Zwei Securitys im Eingangsbereich. "Verdammt." Es wäre zu einfach gewesen. "Ok-ok-ruhig Blut." Nach meinem letzten Erlebnis bin ich schließlich gewappnet:
PUNKT 3: Halte die Kamera so klein wie möglich. (Kein Kamerarucksack, das kleinste Objektiv, das möglich ist, aber noch ausreicht, um optimale Ergebnisse zu liefern, …): Ich packte also mein 50mm/1.8 an meine digitale Spiegelreflexkamera. Sah ziemlich "knullig" aus – reichte aber vollkommen.
PUNKT 4: Verstecke die Kamera: Die Jacke war zwar dünn, aber ich schob die Kamera an ihrem Gurt rechts unter meine Jacke.
PUNKT 5: Schaue unschuldig drein.
Ich stand also noch 5 Meter von der Ziellinie entfernt. Und plötzlich war ich wütend. Ich war wütend, weil ich letztes Mal so dumm war, meine Kamera elegant mitzuschmuggeln, indem ich versuchte, nett mit den Securities darüber zu diskutieren, ob ich sie nun mitnehmen dürfe oder nicht und warum es diese sinnlosen Vorschriften (die dürfen/die nicht) gäbe. Also: nicht noch mal. 4 Meter. "Und was sollte das überhaupt: das Festlegen, dass man nur digitale Spiegelreflexkameras nicht mit in die Konzerthallen nehmen durfte?! Heutzutage kann man doch bereits mit "Digiknipsen" die Bilder einigermaßen hochauflösend aufnehmen und nicht mal groß ausbelichtet an diverse Zeitschriften weitergeben oder an Internetseiten verhökern." 3 Meter. "Vor allem muss ich mit meinem Objektiv nicht mal blitzen..! Ist es nicht viel störender, wenn jemand mit einer Digiknipse neben einem steht und ständig reinblitzen muss?!" 2 Meter. "Es ist soweit." Ich sehe, wie einer der beiden Securities einen Einblick in die Tasche des Mädchens rechts vor uns erhält. Er erblickt ihren Kamerarucksack und macht sie mit tiefem Ton darauf aufmerksam, dass sie die Kamera nicht mit hinein nehmen dürfe. Ich sehe an mir herunter, ob die Kamera auffällig an mir hängt..
PUNKT 6: Kameragurt herumdrehen: Ich drehe den Kameragurt so herum, dass der Kamerahersteller nicht erkennbar ist und der Gurt ebenso von einer Umhängetasche sein könnte.
PUNKT 7: "Du bist ein Groupie, dessen jahrelanger Traum in Erfüllung geht": Also lege ich ein naives, liebes, verträumtes und voller Aufregung gezeichnetes Gesicht auf und natürlich das schönste Lächeln. Mir käme also nieee in den Sinn, eine Kamera mitgehen zu lassen ;)
Da winkt mir auch der schon der Security auf der linken Seite zu, während der auf der rechten sich weigert, das Mädchen mitsamt Kamera durchgehen zu lassen. Ich lächle den Security lieb an und mache aufgeregt-große Augen. Er lächelt mich an und fragt nett: "Kann ich mal in deine Tasche sehen." Ich: "Natürlich, gerne." Öffne die kleine Umhängetasche, die ich noch bei mir habe und die von außen nur so aussieht, als würde gerade mal ein Geldbeutel darin untergebracht werden können. Er knipst seine Taschenlampe an, die meiner Meinung nach bei dem vorhandenen Licht vollkommen überflüssig war (eine Eigenschaft mehr der "SecuryBubs") und schaut in meine Tasche. Ich schaue mit hinein und sehe meine Speicherkarten-Box.. "damn it!"
PUNKT 8: Speicherkarten-Etui gut verstecken: Ich wollte es eigentlich noch unter meinen Geldbeutel stopfen und hatte es wohl vergessen.
Ich lächle dennoch weiter und bin gespannt, ob der breitschultrige Kerl es bemerkt. Er leuchtet mit seiner Taschenlampe darauf und sagt dann kurz: "Ok, danke." Ich schließe meine Tasche und bedanke mich ebenfalls. Bleibe aber stehen und warte ab, da der Security noch vor mir steht. Da lächelt er mich wieder von oben herab an und sagt: "Du kannst auch gerne schon zugehen - musst nicht hier stehen bleiben." Schnell hüpfe ich an dem "Schrank" vorbei und grinse schon bis über beide Ohren (diesmal ganz ehrlich und so voller Vorfreude und gelungenem Schachzug;)! "Strike!"
Und dann Kettcar. In vollen Zügen. Und der Abend war perfekt.
Jetzt sitze ich vor dem Bild, sehe es mir an und strahle, weil ich die Erinnerung dieses eine Mal nicht nur mit Herz und Kopf, sondern auch mit den Händen festhalten konnte. Wohooo! Viel Spaß mit den paar Bildern, die ich in der Menge schießen konnte.
(Und während ich so dasitze und die Bilder des Abends Revue passieren lasse und genieße, sitzt irgendwo da draußen jemand, der die Bilder von seiner "Digiknipse" bereits auf den Rechner "gezogen" hat. Jemand, der nicht viel mit der Musik anfangen konnte und die Bilder gerade an eine Zeitschrift weitergibt und Geld dafür erhält.)
"Genau diese Band ist Kettcar." -Kettcar machen mich mit ihren Worten wortlos, sprachlos, erstarrt, mit wieviel ausgesprochenem Gefühl man jemanden zum angenehmen Schweigen bringen kann und in der Stille den Worten, die man innerlich aber mitsprechen möchte, lieber doch schweigend lauscht. Danke für ein wunderbares Konzert...